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Interview mit Reisejournalistin Gabi Reichert vom Blog 5 Reicherts

Gabi Reichert erzählt über das Reisen mit der Familie

Gabi und Gunter Reichert arbeiten als Reisejournalisten und Fotografen für verschiedene Magazine und Verlage. Mit ihren drei Kindern Esra (19), Noah (17) und Amy (15) reisen sie aus diesem Grund gemeinsam in der Welt herum.

Vor 14 Jahren startetet ihr eure erste große Familienreise in die USA. Welche Erfahrung habt ihr gemacht, was es bedeutet mit 3 kleinen Kindern eine Fernreise zu unternehmen?

Interview mit Reisejournalistin Gabi Reichert Blog 5 Reicherts - Fernreisen mit Kindern - Familie Reichert

Wir stellten schnell fest, dass eine Fernreise nur lohnt, wenn man länger unterwegs ist. Wir brauchten damals etwa 2 Wochen, bis alle drei Kinder den Jetlag überwunden hatten und wir in eine angenehme Reiseroutine gefunden hatten. Nun, es war aber auch unsere erste große Reisen und das erste Mal im Mobil. Wenn man die Bedürfnisse aller gleichermaßen erst nimmt, sind Fernreisen für das Familienleben eine große Bereicherung. Das Wohnmobil war gerade mit kleinen Kindern unglaublich praktisch, denn die Kinder konnten sich immer wieder an einen gewohnten Ort zurückziehen und das obwohl wir dauernd woanders waren. Wir bereisten damals den gesamten Westen der USA und Kanada und nach drei Monaten hätten wir gern noch weiter fahren können. Wir übernachteten meist in Stateparks, waren so immer direkt vor Ort. So wanderten wir morgens, im besten Fotolicht, fuhren in der Mittagszeit, wenn die Kinder eh ihren Mittagsschlaf machen wollten und waren dann abends wieder in der Natur unterwegs.

Ein Jahr später ging es für euch nach Neuseeland. War das der Anstoß eures gemeinsamen Werdeganges?

Interview mit Reisejournalistin Gabi Reichert Blog 5 Reicherts - Fernreisen mit Kindern - Kinder Reichert

Nein, eigentlich nicht. Wir waren bereits vor unseren Kindern immer auf relativ langen Reisen in die USA unterwegs gewesen. Was halt der Jahresurlaub hergab. Der Ausschlag für die dreimonatigen Reisen war, dass mein Mann im Jahr 2000 seinen Job durch eine Firmenschließung verlor. Endlich hatten wir Zeit und das nutzten wir aus. Neuseeland war die zweite lange Reise in dieser Phase und die letzte Reise vor der Schulpflicht unserer Kinder. In Neuseeland hatten wir dann gar keine Anpassungsprobleme mehr. Wir kamen dort an, bezogen das kleine Mobil und legten los. So schnell waren wir zum aufeinander abgestimmten Team geworden! Diese Reise ans Ende der Welt war ein ganz fantastisches Erlebnis. Wir schrieben darüber für ein Wohnmobilmagazin. Das war unser erste Veröffentlichung in einem Printmedium. Die USA Reise im Jahr 2000 war der Start unserer live Berichterstattung auf der Webpage! Wir bloggen also seit 14 Jahren!

Daraufhin habt ihr euch ein eigenes Wohnmobil gekauft und seid seitdem viel in Europa unterwegs gewesen. Warum habt ihr euch für diese Art des Reisens entschieden?

Nach der dreimonatigen Neuseeland Reise kauften wir uns ein eigenes Wohnmobil. Nur so waren wir auch in Europa in den Ferien jederzeit reisebereit. Die Wohnmobilmieten sind in den Ferien sehr teuer, da rechnet sich ein eigenes Mobil schnell. Wir nutzten jahrelang immer Oster- Sommer- und Herbstferien. Also 10 Wochen pro Jahr. Das war sehr stressig, denn die vier Wochen extra Urlaub mussten durch Mehrarbeit reingeschafft werden. Der Hauptvorteil am Wohnmobil ist, dass die Kinder immer im gleichen Bett schlafen, wir jederzeit kochen können, das Bad und eine Toilette an Bord haben und trotzdem jeden Tag woanders sein können. Gerade für die Fotografie, die uns ja enorm wichtig ist, ist es genial, dass wir in der Natur übernachten. Morgens vor Sonnenaufgang schon losziehen können, während die Kinder noch schlafen. Es ist unglaublich praktisch.

Wo wart ihr überall?

Wir waren im Westen der USA und Kanada, in Neuseeland und der Südsee, in Norwegen, Schweden, Dänemark, Deutschland, Frankreich, auf den Azoren und in Großbritannien.

Wie vereinbart ihr eure Langzeitreisen mit der Schulausbildung eurer Kinder?

Interview mit Reisejournalistin Gabi Reichert Blog 5 Reicherts - Fernreisen mit Kindern - Amy mit Muschel

 

Anfangs waren wir meistens in den Ferien unterwegs. Manchmal auch in etwas verlängerten Ferien, wenn wir bestimmte Vögel aufnehmen mussten, die wir sonst verpasst hätten. Im Jahr 2009 machten wir eine Auszeit von sechs Monaten. Die Kinder wurden in dieser Zeit beurlaubt und von einer Fernschule betreut, sie gingen danach wieder in ihre alten Klassen. Da merkten wir, wie unglaublich gut das funktioniert. Wie leicht das Lernen in Wirklichkeit ist. Englisch lernten die Kinder automatisch, weil wir auch in Skandinavien ständig Englisch redeten. Das was sogar besser als England, weil die Leute in Schweden und Norwegen etwas langsamer reden als Muttersprachler. Als die Kinder wieder zur Schule gingen, waren sie in allen Fächern besser als zuvor. Und wir haben mehr Zeit mit dem Erleben verbracht als mit Lernen aus Büchern. Seit 2010 sind wir beruflich reisend, also mehr als sechs Monate im Jahr im Ausland unterwegs. Wir werden weiterhin von der internationalen Fernschule betreut. Unser Ältester hat gerade ein richtig gutes Abitur in einer Externenprüfung abgelegt. Er hat sich für die Prüfungen etwa sechs Monate vorbereitet und ist dann mit „normalen“ Abiturienten an einem Gymnasium zum Prüfung gegangen. Reisen bildet!

Was haben eure Kinder auf den Reisen gelernt, was an einem festen Ort nicht möglich gewesen wäre?

Sprachen lernt man, wenn man sie braucht. Unser Drei lernten relativ schnell Englisch. Sie sprechen frei und ohne Angst vor der Fremdsprache. Wir treffen immer wieder auf interessante Menschen, die wir für unseren Blog interviewen. Immer wieder fragen wir uns unterwegs durch oder schwätzen an den Stränden. Außerdem lesen sie englische Bücher – weil sie oft einfach günstiger sind und wir die unterwegs gut kaufen können. Wir suchen immer den Kontakt zu Wissenschaftlern und fragen denen Löcher in den Bauch. Als Journalist ist man von Beruf aus neugierig. Kinder sind von Natur aus neugierig und da wir als Team auftreten, hat keiner von uns mehr Hemmungen wenn es ums Fragen geht. Durch die Fotografie gehen wir mit sehr wachen Augen durch die Welt. Unsere Kinder nehmen unglaublich viel wahr und hinterfragen sehr viel. Wir sind im ständigen Dialog miteinander und verarbeiten das Erlebte gemeinsam. Unterwegs werden wir ständig mit anderen Kulturen konfrontiert. Wir werden immer toleranter, weil wir sehen, dass jede Kultur ihre Berechtigung hat. Jetzt nach 14 Jahren gemeinsamen Reisen sind wir als Team eingespielt. Wir kommen sehr schnell mit anderen Menschen in Kontakt. Wenn wir lange mit dem Wohnmobil unterwegs sind, machen wir immer wieder mal Pausen bei Familien, deren Kinder auch selbstbestimmt lernen. Dann können sich die Kinder mit Gleichgesinnten austauschen und ihre eigenen Erfahrungen machen. Wir arbeiten Hand in Hand. Die Kinder beteiligen sich auch an der journalistischen Arbeit. Esra, der Älteste, schreibt auch schon für Magazine und für das Blog. Er liebt es, Interviews zu machen. Noah macht lieber Designarbeiten. Er gestaltet Bücher mit unseren Fotos. Amy fängt auch schon an, für das Blog zu schreiben. Alle drei können gut auf andere Menschen zugehen. Ich würde sagen, die Drei lernen fürs Leben durch das Leben. Da wird nicht künstlich eine reele Welt kreiirt. Wir verbinden unsere Arbeit mit dem Leben und dem Lernen und das mit der ganzen Familie.

Was hat das Reisen mit Kleinkindern leichter gemacht als mit Teenagern und was ist heute einfacher?

Interview mit Reisejournalistin Gabi Reichert Blog 5 Reicherts - Fernreisen mit Kindern - Hammerfest

Das Reisen mit den Kleinkindern war eigentlich relativ unbeschwert. Wenn man den Bewegungsdrang der Kinder befriedigt, was sehr einfach ist, wenn man in der Natur unterwegs ist, dann sind die Kids glücklich. Durch das Wohnmobil hatten sie immer das zuhause dabei, es wurde den Kleinen aber nur evtl. in den Städten zuviel an Eindrücken. Und die besuchten wir höchstens mal für einen Nachmittag. Jetzt mit Teenagern ist es einfacher lange Wanderungen zu unternehmen. Wir werden nicht mehr so von den Schlafenszeiten eingeschränkt. Heute profitieren die Teenager natürlich noch mehr von unseren Unternehmungen. Letztes Jahr strandeten wir durch einen Zufall auf einer kleinen norwegischen Leuchtturminsel. Da die Kids schon im Alter waren, wo sie auch anpacken konnten und wollten, konnten wir zwei Wochen bleiben und mitarbeiten. So wurde dieses Erlebnis – das nachhaltige Zusammenleben mit Leuten aus aller Welt auf einer kleinen, einsamen Insel – zu DEM Erlebnis unseres Lebens!

Welchen Schwierigkeiten seid ihr auf euren Reisen mit Kindern begegnet?

In der Südsee fanden wir damals mit Kleinkindern kaum eine Unterkunft. Das war sehr schwierig, überhaupt irgendwo unter zu kommen. Restaurantbesuche waren in den USA mit Kleinkindern nicht spaßig. Entweder die Restaurants boten nur Junk Food an, dann waren Kids willkommen, oder sie boten was Leckeres und Gesundes, dann lächelte die Bedienung erst, wenn wir gezahlt hatten und auf dem Weg zur Tür waren. Jetzt ist unsere Hauptschwierigkeit die Finanzierung der Reisen. Wir müssen nun für fünf Erwachsene zahlen und das ist für zahlreiche Unternehmungen enorm teuer. Wir können uns also nicht soviel leisten, wie es für die umfassende Berichterstattung nötig wäre.

Inwieweit haben eure Kinder die Reisen bereichert?

Interview mit Reisejournalistin Gabi Reichert Blog 5 Reicherts - Fernreisen mit Kindern - Kinder vor Wal

Ohne die Kinder hätten wir Vieles nicht gesehen. Kleinkinder gehen mit einer unglaublichen Neugier durch die Welt. Sie hinterfragen Sachen, die für uns schon selbstverständlich sind. Das fand ich immer sehr anregend für mich selbst. Da kommen oft solche Fragen: „Warum ist Süßwasser gar nicht süß?“ „Wie schwer ist die Wolke da?“ „Warum fangen die Norweger Wale?“ „Wie schmeckt Rentier?“ Diese kindliche Begeisterung für Neues sollte jeder Reisende haben. Eltern fällt das natürlich besonders leicht, denn sie können es jeden Tag an ihren Kindern beobachten.

Welche Tipps gibst du jungen Familien mit kleinen Kindern, wenn sie eine Reise planen?

Nehmt nicht so viel Kram mit. Kinder brauchen vor allem aufmerksame, gesprächsbereite Eltern und kaum Spielzeug. Gemeinsame Erinnerungen sind wertvoller als materielle Sachen. Sie verbinden. Weniger Planung ist besser. Wenn man vor Ort entscheidet, was man noch ansehen möchte, oder, was evtl zu viel ist, fühlt sich keiner überfordert. Außerdem ist man nur dann offen für Dinge, die einem ungeplant über den Weg laufen.

Und was rätst du für Reisen mit Jugendlichen?

Jugendliche müssen mit entscheiden, was unternommen wird. Sie brauchen auch Aufgaben und manchmal ein wenig Motivation. Nach der jahrelangen Erfahrung hast du sicher auch einige Tipps zum Packen!? So wenig wie möglich. Alles was zu viel ist, belastet. Hörbücher, die wir unterwegs gemeinsam hören, sind uns wichtig.

Ihr achtet auch auf Nachhaltigkeit auf euren Reisen und tut Gutes für die Umwelt. Welchen Effekt hat das auf eure Kinder?

Interview mit Reisejournalistin Gabi Reichert Blog 5 Reicherts - Fernreisen mit Kindern - Sandburgen bauen

Durch die langen Wohnmobilreisen wissen wir genau, wie viel Ressourcen wir brauchen. Wir können mit zwei Litern Wasser die Haare waschen, wir essen die Teller immer ganz leer, weil man im Wohnmobil Reste nicht gut entsorgen oder aufbewahren kann. Ich finde das immer lustig anzusehen, wenn wir mal zum Essen eingeladen werden. Unsere fünf Teller sind immer komplett leer und fast noch mit Brot nachgewischt, während die Teller von den anderen ganz anders aussehen. Wenn wir daheim heißes Wasser in die Badewanne laufen lassen, dann wissen wir es sehr zu schätzen. Ich würde sagen, dass unsere Kinder sehr genügsam sind und denke, dass es mit den langen Reisen zusammenhängt, wo wir merkten, wie wenig man zum Glücklichsein braucht. Wir unterstützen mit unserer fotografischen Arbeit Umweltprojekte. In diese Richtung würde ich gern noch mehr machen. Das wird jetzt einfacher, weil die Kinder in einem Alter sind, wo sie sich an diesen Projekten beteiligen können. Esra schrieb zum Beispiel für eine Walforscherin auf den Lofoten einen Text über den Lärm im Meer. Ich würde gerne mit den Kindern zusammen an Umweltprojekten arbeiten – zum Beispiel das Bewachen von Schildkrötengelegen am Strand in Griechenland. Leider werden solche Projekte immer mehr nur gegen großes Geld angeboten und das können wir uns nicht leisten.

Was war euer skurrilstes/seltsamstes/schönstes Souvenir von euren Reisen?

Wir kaufen unterwegs gern mal Tassen. Aber keine touristischen, wo draufsteht wo man war, einfach ganz normale Tassen. Wir wissen ja genau, woher sie sind und freuen uns dann jeden Morgen beim Frühstück drüber. Die besten Souvenirs sind einfach die Erlebnisse und dass wir gemeinsam drüber reden können. So zum Beispiel unser Winter in Skandinavien, der zufällig der schneereichste seit Anbeginn der Wetteraufzeichnungen war. Wir hatten Nordlichter gesehen, waren bei minus 4 0°C durch schwedisch Lappland gefahren unser Ältester durfte auf einem zugefrorenen See erstmals selbst Auto fahren. Sowas halt...

Welche Reisepläne habt ihr für die Zukunft?

Jetzt wollen wir erstmal die Reiseart etwas ändern. Wir planen Touren mit den Fahrrädern, um noch näher an der Natur zu sein. Wir würden sehr gerne neue Reiseziele ansteuern. Ganz hoch auf der Wunschliste steht Island und Grönland aber auch der Osten Kanadas. Doch dazu haben wir noch keine konkreten Pläne. Und unsere Reise nach Neuseeland würden wir jetzt gerne nochmal wiederholen – mit etwas Glück könnte das nächstes Jahr klappen.

Vielen Dank, liebe Gabi Reichert, für das tolle Interview!

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